Zu den aktuellen Entwicklungen um den IRU

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24 Aug Zu den aktuellen Entwicklungen um den IRU

Stellungnahme des Verbandes der Islamlehrerinnen und Islamlehrer e.V. zu den aktuellen Entwicklungen um den IRU.

Der Islamische Religionsunterricht (IRU) wird inzwischen seit 2012 als bekenntnisorientiertes Fach in NRW erteilt. Unter Einbezug der Vorgängermodelle wird er an öffentlichen Schulen sogar seit 17 Jahren unterrichtet.

Viele muslimische Länder und auch die Türkei sind seit einigen Jahren von massiven politischen Veränderungen betroffen. Vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen in der Türkei rückte nun auch der IRU verstärkt ins Zentrum der öffentlichen und medialen Diskussionen.

Während der IRU bisher eher als Chance für Integration, Radikalisierungsprävention und religiöse Bildung von jungen Muslimen bewertet wurde, wird er in letzter Zeit zunehmend von verzerrten und pauschalisierenden Schlagzeilen beherrscht. Einige Berichte beinhalten sogar faktisch falsche und rechtlich unmögliche Annahmen. Etwa, dass Islamlehrerinnen und -lehrer in Deutschland von Ankara gelenkt und finanziert oder dass die Lehrinhalte von der Türkei diktiert würden. Solche Falschdarstellungen sind destruktiv und schaden in erster Linie dem hiesigen IRU.

Der IRU ist aus der einzigartigen Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft, Schulen, Universitäten und Religionsgemeinden als gemeinsames Projekt erwachsen. Wer sich mit der Ausbildung von Islamlehrern, mit der Erstellung der Lehrpläne, mit der Vergabe der Lehrbefugnis beschäftigt, wird leicht erkennen wie absurd solche Behauptungen sind. Die verständliche und zum Teil auch berechtigte Kritik gegenüber der politischen Situation in der islamischen Welt und gegenüber hiesigen Muslimen, darf nicht auf Kosten des IRU erfolgen. Denn die tagtägliche Pionierleistung der Islamlehrerinnen und Islamlehrer, die in der Mitte der Schullandschaft vor Augen einer gebildeten Öffentlichkeit agieren, wird durch Falschmeldungen in ein falsches Licht gerückt.

Wir als Verband der Islamlehrerinnen und Islamlehrer e.V. sind der Meinung, dass das hier dargestellte Bild aus folgenden Gründen der schulischen Realität und dem Selbstbild des IRU widerspricht:

a.) Die Islamlehrerinnen und Islamlehrer werden, wie auch andere Lehrämter an universitären Standorten (wie Münster, Osnabrück, Gießen, Frankfurt, Tübingen usw.) wissenschaftlich ausgebildet und durchlaufen im Anschluss daran ihre schulpraktische Ausbildung (Lehramtsreferendariat). Sobald sie eine Stelle an einer Schule antreten, werden Islamlehrer wie andere Lehrer auch vom Land finanziert.

b.) Die Lehrpläne werden in Lehrplankommissionen ausgearbeitet, über deren Zusammensetzung die jeweiligen Schulministerien der Bundesländer entscheiden. Die vorläufig erstellten Lehrpläne werden unterschiedlichen Akteuren wie Lehrerverbänden, Religionsgemeinden, Gewerkschaften und diversen Experten zur Begutachtung und Überarbeitung vorgelegt. Das Ministerium verabschiedet letztlich den inhaltlich und didaktisch überarbeiteten Lehrplan, der dann für den schulischen Religionsunterricht verbindlich ist.

c.) Der IRU Beirat NRW als Quasi-Religionsgemeinschaft ist mit der Vergabe der Lehrbefugnis (Idschaza) betraut. Der IRU Beirat in NRW besteht aus 8 Mitgliedern, vier sind Vertreter der Religionsgemeinden: DITIB, Islamrat, VIKZ und Zentralrat, und die vier weiteren sind unabhängige Experten. Der IRU Beirat vergibt nach einem Gespräch mit angehenden Islamlehrerinnen und Islamlehrern die Lehrbefugnis.

Schon ein Blick in Kernlehrpläne, schulinterne Curricula, Idschaza-Ordnung oder die Ausbildung der Islamlehrkräfte verrät, welche universitären und schulpraktischen Bildungsstandards hier zum Zuge kommen und wie viel Pionierarbeit hier tagtäglich geleistet wird.

Wer sich also mit der Bildungspraxis beschäftigt, weiß genau um die mühselige Arbeit am Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler. Religiöse Bildung als Teil der öffentlichen Bildung ist ein langwieriger Prozess und braucht Reifezeit, wenn er nicht in religiösem Analphabetismus oder in Radikalisierung münden will. Wann, wenn nicht in der Schulzeit können Schülerinnen und Schüler besser und nachhaltiger eine religiöse Bildung genießen, das Erlernte immer wieder reflektieren und zu einem eigenen begründeten Urteil kommen? Letztlich ist es eine große Chance, dass muslimische Schülerinnen und Schüler in ihrer sensiblen Phase der Identitätsbildung von professionellen Religionspädagogen begleitet werden. Bekanntlich gehört es zur Aufgabe des öffentlichen Unterrichts, dass in der Gesellschaft kontrovers diskutierte Themen genauso auch im IRU abgebildet werden sollten, und zwar stets durch objektive Kriterien wie Menschen- und Grundrechte, Pluralitätsgebot und Überwältigungsverbot begleitet. Damit wird auch im IRU gewährleistet, dass unterschiedliche politische, kulturelle und religiöse Narrative zugelassen und auch kritisch reflektiert werden, um so den Schülerinnen und Schülern eine eigene begründete Deutungs- und Partizipationskompetenz zu ermöglichen.

Als Verband der Islamlehrerinnen und Islamlehrer e.V. plädieren wir daher für eine Versachlichung der Diskussionen rund um den IRU, da er über das Potenzial eines friedlichen und konstruktiven Beitrags zur Identitätsbildung von jungen Musliminnen und Muslimen verfügt und die institutionelle Verankerung des IRU in der Schule als starkes und wichtiges Signal für die Beheimatung der Muslime in Deutschland fördert.

Verband der Islamlehrer/innen

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